Mit unserer Interview-Reihe möchten wir Ihnen nach und nach die Akteure des Munich Network näher vorstellen und Ihnen Experten-Einblicke in verschiedene Branchen, die jeweiligen Zukunftsthemen sowie in die Kollaboration von Startups und etablierten Technologie-Industrie-Unternehmen geben.

Unser heutiger Interview-Partner ist Stephan Preuß, Geschäftsführer der JAT Jenaer Antriebstechnik GmbH:


Ihr Unternehmen, die JAT – Jenaer Antriebstechnik GmbH hat seine Wurzeln in der Zeiss Jena. Sie entwickeln und fertigen mit Ihren 170 Mitarbeiter*innen Servoantriebe und komplexe Antriebssysteme für hochpräzise Positionier- und Handlingaufgaben.
Und dies für Kunden in ganz unterschiedlichen Industrien in der gesamten Wertschöpfung von der Hard- oder Softwareentwicklung einzelner Servo-komponenten bis zur Fertigung von mechatronischen Plug & Play Systemen.
Welchen Beitrag liefern Ihre Leistungsangebote zur digitalen Transformation Ihrer Industriekunden in den unterschiedlichen Branchen?

Unser Leistungsangebot umfasst primär das hochpräzise und hochdynamische Bewegen und Positionieren verschiedenster Objekte, von der Linse für die Laserapplikation bis zum Jet-Dispenser für die Leiterplattenfertigung. Unsere Kunden schätzen also vor allem physikalisch messbare Größen wie Beschleunigung, Geschwindigkeit, Positionier- und Wiederholgenauigkeit, Ströme, Spannungen und Kompatibilitäten mit den verschiedenen Feldbus Protokollen.

Die Digitalisierung hat auch den deutschen Maschinen- und Anlagenbau voll erfasst, das Abschöpfen der immensen Potenziale ist allerdings noch nicht nachhaltig bei uns angekommen. Unsere Servoverstärker beispielsweise können selbstständig kommunizieren, wann das Antriebssystem einer Maschine gewartet werden soll. Viele unserer Kunden haben allerdings die (durchaus auch berechtigte) Sorge vor Industriespionage und beschränken deshalb die Kommunikation ihrer Maschinen mit der Außenwelt auf ein absolutes Minimum.

Wie sich die zunehmende Vernetzung im Verhältnis zum althergebrachten Bedürfnis nach Sicherheit entwickeln wird, kann uns nur die Zeit zeigen. Aber Digitalisierung ist natürlich mehr als IoT und die digitale Transformation durchdringt alle Unternehmensbereiche.

Sehen Sie in Ihrem Unternehmen Ansätze oder gar Fortschritte einer Verschmelzung der physischen, digitalen und menschlichen Arbeitsweisen und -welten? Gibt es einen strategischen Plan für eine derartige Veränderung?

Definitiv. Mittelfristig werden wir keine Papierdokumente mehr benötigen, ob Angebote, Rechnungen oder Fertigungsanleitungen. Jede*r Mitarbeiter*in wird über ein Interface den digitalen Zwilling der Jenaer Antriebstechnik betreten können und dort schnell an die Informationen gelangen, die zur Erledigung von Aufgabe X benötigt werden. Wir haben uns auch schon mit den Potenzialen von AR und VR auseinandergesetzt, derzeit steht der Nutzen jedoch noch in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Hier profitieren wir und unsere Kunden deutlich mehr davon, bestehende Prozesse durch Digitalisieren weiter zu automatisieren, anstatt auf coole Gadgets zu setzen, die uns – zumindest derzeit und auch in der näheren Zukunft – keinen substanziellen Mehrwert verschaffen.

Weniger überspitzt formuliert denke ich, dass die neuen Technologien ebenso das Potenzial besitzen, unsere Denk- und Arbeitsweise zu verändern wie es im ausgehenden 20. Jahrhundert der Computer tat, allerdings lohnt es sich hier für uns, erst zu einem späteren Zeitpunkt im Technologie-Reifegrad einzusteigen.

Welche Bedeutung gewinnen KI, Cloud Computing, Blockchain, Cyber Security in diesem Zusammenhang für Ihr Unternehmen?

Die Datensicherheit ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Unsere großen Kunden sind weltweit agierende Technologieführer und dementsprechend auch daran interessiert, ihr Knowhow zu schützen. Datensicherheit bedeutet heute allerdings nicht mehr, dass beschriebene Papierbögen in Tresoren lagern. Cloud Computing ist gekommen um zu bleiben und ist, zumindest aus wirtschaftlicher Sicht, für KMU sinnvoller als der Aufbau einer eigenen kosten- und personalintensiven Serverstruktur. Aber auch hier gilt es, geduldig zu sein. Unser Neubau, den wir im Sommer 2020 bezogen haben, ist mit neuster Rechentechnik ausgestattet und wird uns die nächsten Jahre sehr gute Dienste leisten. Wir haben ein cloud-basiertes Informationsportal für unsere Kunden aufgebaut, mittels welchem über eine zentrale Suchfunktion auf jedes technische Dokument der JAT zugegriffen werden kann.

Das Thema Blockchain wird uns sicher noch beschäftigen, jedoch sehe ich uns als JAT eher in der Rolle des Anwenders.
Künstliche Intelligenz wird unsere Arbeit deutlich tiefgreifender verändern. Von selbstständiger Parametrierung der Servoverstärker in einem Antriebssystem über Addons in unserer CAD-Software um unsere Konstrukteure zu unterstützen bis hin zum zeit- und/oder kostenoptimierten Management des Materialflusses, die Potenziale sind hier so grenzenlos wie der technologische Fortschritt.

Sie haben im vergangenen Jahr in Jena einen neuen Betriebskomplex bezogen und betreiben diesen CO2-neutral.

Stimmt, CO2-neutral und betriebskostenoptimiert. Der Baugrund ist mit einem dauerfeuchten Auenlehm nicht gerade das, was der Statiker als festen Boden bezeichnet. Aber er steckt damit voller Energie. Wir haben die ohnehin notwendigen Betonpfähle als Energiepfähle genutzt. Mit einer Wärmepumpe können wir so sehr effizient heizen. Aus einem Kilowatt Strom erzielen wir 5 Kilowatt Heizleistung. Kühlen kann die Anlage natürlich auch, das mit sehr geringen Stromverbräuchen und ohne klassische Klimaanlagen. Wir haben jetzt einen sehr kalten Winter und auch schon sehr heiße Wochen erlebt und sind mit der Haustechnik sehr zufrieden. Heizbetrieb im Nordbüro, während an der Südfassade schon gekühlt wird, das schafft konstante Raumtemperatur bei gutem Umweltgewissen.

Bitte erläutern Sie das unseren Lesern. Wieviel Energie benötigen Sie täglich zum Betrieb Ihres Unternehmens?

Das ist dann doch schon beeindruckend viel. Sicher, wir gelten bei weitem nicht als energieintensiv, aber unsere ca. 500 Megawattstunden im Jahr sind schon eine Größenordnung, mit der man verantwortungsvoll umgehen sollte. Der größte Stromverbraucher ist bei uns die IT-Infrastruktur.

Als entwicklungsintensives Unternehmen haben wir mehr PCs als Mitarbeiter und mehrere Serverräume, die wir sehr effektiv mit Quellwasser kühlen, wie ich bereits erwähnt habe. Unseren Strombedarf decken wir vollständig erneuerbar, noch kaufen wir den größten Teil ein, geplant ist aber eine PV-Anlage zur Eigenbedarfsdeckung.

Aus welchen Quellen beziehen Sie diese Energie? Was geschieht mit Abwärme und Abfällen?

Bei der Wahl unseres Stromlieferanten hat natürlich der Preis nur Priorität zwei. Wichtig ist für uns eine konsequente Nachhaltigkeit mit einer Brise Radikalität.
Unsere Umweltleistungserfassung betrifft aber nicht nur den Strombedarf, sondern alle Stoff- und Energieflüsse im Unternehmen. Wir analysieren und optimieren beispielsweise auch unsere Abfallentsorgung.

Wie erzielen Sie am Ende eine CO2-neutrale Bilanz?

Bis zu einer neutralen CO2-Bilanz für das gesamte Unternehmen ist es noch ein bisschen Weg. Aber die Ideen und Ansätze, die wir in unserem Neubau verwirklicht haben, lassen sich teilweise auf die älteren Gebäudeteile übertragen und überall helfen pragmatische und innovative Ideen, die oft weit an dem Stand der Technik vorbeigehen. So konnte uns noch kein Fachplaner die Kühlleistung unserer bewässerten Flachdächer berechnen. Und so wird es auch niemandem angeboten. So etwas muss man einfach ausprobieren.

Und damit ist auf die Frage: „Wie erzielen Sie am Ende eine CO2-neutrale Bilanz?“ die einfache Antwort: „mit Ingenieursgeist und Ehrfurcht vor der Schöpfung“.

Welche Ambitionen verbinden Sie mit Ihrer Mitgliedschaft im Munich Network und welche Erwartungen haben Sie an uns?

Wir sind allem voran am Auf- und Ausbau von Knowhow interessiert. Zurzeit fokussieren wir die Zusammenarbeit mit Startups und Forschungseinrichtungen und möchten Ihr Netzwerk auch genau dazu nutzen – Kontakte zu knüpfen. Und dann schauen wir wohin die Reise geht. Wir finden für jedes Bewegungsproblem eine Lösung und sind bestrebt, mit und für unsere Kunden und Partner die optimale Lösung zu entwickeln, sowohl technologisch als auch wirtschaftlich. Damit das so bleibt müssen und wollen wir uns kontinuierlich selbst fordern. Soweit zu unseren Ambitionen.

Unsere Erwartung ist das aktive Managen und Verknüpfen mit interessanten Partnern Ihrerseits. Des Weiteren möchten wir mit Ihnen gemeinsam unsere Präsenz auf LinkedIn stärken, unser Marketing ist dort sehr aktiv und sieht dort auch große Potenziale, die eigene Marke zur präsentieren. Wie in einer Partnerbörse ist es dort möglich, neben den eigenen Produkten und Dienstleistungen auch die firmenweiten Wertvorstellungen zu teilen und Einblicke hinter die Kulissen zu gewähren, das ist eine tolle Sache finde ich.

Vielen Dank für die spannenden Fragen, ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit!